Tauwetter in den Highlands von Skye MacDonald
Band 8

Tauwetter in den Highlands

Von Skye MacDonald

Ein marodes Highland-Hotel. Ein unnahbarer Boss. Ein Sturm, der keine Fluchtwege lässt.

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  • Enemies to Lovers
  • Milliardär
  • Chef vs Angestellte
  • Single Mum
  • Forced Proximity
  • Schottische Highlands
  • Winterliche Geborgenheit
  • Broken Hero
Evelyn Ross kämpft jeden Tag ums Überleben. Als alleinerziehende Mutter hält sie das in die Jahre gekommene Lochside Manor am Laufen und braucht vor allem eines: Stabilität für ihren kleinen Sohn.
Doch dann taucht der neue Besitzer auf: Liam MacTavish. Eisig, streng und mit dunklen Geheimnissen im Gepäck, kehrt der verlorene MacTavish-Bruder in die Highlands zurück. Er will das Hotel sanieren, die Zahlen in den Griff bekommen und bloß keine emotionale Nähe zuleassen.
Evelyn lässt sich von seiner arroganten Fassade nicht einschüchtern – und treibt Liam damit in den Wahnsinn. Als ein massiver Frühjahrssturm Glencoe von der Außenwelt abschneidet und die beiden im dunklen Hotel festsetzt, prallen ihre Welten ungebremst aufeinander.
Bei Kerzenschein und gemeinsamer harter Arbeit bröckeln Liams harte Kanten. Plötzlich ist der kühle Sanierer der Mann, der Evelyns Sohn beschützt und ihr Herz gefährlich schnell schlagen lässt. Aber Liam glaubt, er sei pures Gift für eine Familie. Kann Evelyn dem gebrochenen Mann beweisen, dass wahre Stärke bedeutet, endlich zu bleiben?
Ein gefühlvoller Wohlfühlroman über zweite Chancen, Vergebung und eine Liebe, die entsteht, wenn man den Mut findet, zu bleiben.
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Das Handtuch lässt sich nicht falten, sondern muss gequetscht werden, bis der alte, ausgefranste Frottee-Stoff sich widerwillig in die Ritze zwischen Fensterrahmen und verwittertem Sims drücken lässt. Ich presse mit dem Handballen nach, spüre das raue Holz unter meiner Haut, bis das Handtuch endlich hält und die schlimmste Zugluft abdichtet. Der Wind findet trotzdem einen Weg – er findet immer einen Weg durch jede verdammte Lücke in diesem alten Kasten. Das Lochside Manor ist wie ein durchlöchertes Sieb, und egal wie viele provisorische Reparaturen ich durchführe, die Kälte kriecht trotzdem herein, legt sich auf meine Schultern wie eine nasse Decke.

Meine Finger sind taub, und das kommt nicht nur von der Kälte, die durch die einfach verglasten Fenster sickert, sondern auch von den acht Stunden, die ich heute schon hinter der Rezeption stehe, Gäste einchecke, Telefonate beantworte, Handtücher in Fensterritzen stopfe. Ich trete einen Schritt zurück, prüfe meine Arbeit mit kritischem Blick. Die Zugluft ist schwächer geworden, nicht weg, aber schwächer. Gut genug. Es muss gut genug sein, denn mehr kann ich nicht tun, nicht ohne richtiges Werkzeug, nicht ohne ein Budget, das seit Jahren nicht existiert.

Hinter mir klappert das altmodische Telefon auf der Rezeption, und ich drehe mich um, greife nach dem Hörer, während mein Blick automatisch durch die angelehnte Tür zum Pausenraum wandert. Oliver sitzt auf dem abgewetzten Linoleumboden, den Malblock auf den Knien, die Zungenspitze zwischen den Zähnen in dieser konzentrierten Art, die er immer hat, wenn er versucht, die Linien genau zu treffen. Er malt einen Vogel – einen Adler vielleicht, oder einen Raben, es ist schwer zu sagen bei einem Fünfjährigen, dessen künstlerische Ambitionen seine motorischen Fähigkeiten noch übersteigen.

„Lochside Manor, Evelyn Ross am Apparat”, sage ich, und meine Stimme klingt professioneller, als ich mich fühle.

„Evelyn, ist Moira da?” Die helle, neugierige Stimme von Mrs. MacBride vom Dorfladen, und ich unterdrücke ein Seufzen, denn wenn Mrs. MacBride anruft, geht es nie um etwas Harmloses.

„Sie hat heute frei.”

„Ach.” Eine bedeutungsschwangere Pause, dann senkt sie die Stimme verschwörerisch. „Stimmt es, dass der Neue heute kommt?”

Meine Finger schließen sich fester um den Hörer, und ich spüre, wie sich meine Nackenhaare aufstellen, obwohl ich nicht genau sagen kann, warum. „Davon habe ich gehört, ja.”

„Und? Was weißt du über ihn?”

Was ich weiß. Ich weiß, dass das Hotel vor drei Wochen verkauft wurde, über Nacht fast, ohne dass jemand von uns Mitarbeitern vorher informiert worden wäre. Ich weiß, dass der neue Besitzer aus Glasgow kommt, ein Geschäftsmann mit Geld, der angeblich eine Kette von renovierten Hotels aufbaut. Ich weiß, dass sein Name MacTavish ist – ein Name, der hier in Glencoe Gewicht hat, Geschichte, Respekt. Aber ich weiß auch, dass die MacTavish-Brüder, Hamish und Callum, die jeder im Dorf kennt, nie von einem dritten Bruder gesprochen haben. Nie. Und das fühlt sich falsch an, wie ein Riss im Fundament, den man nicht sehen kann, aber trotzdem spürt.

„Er reist heute an. Mehr weiß ich nicht”, sage ich, und meine Stimme klingt kühler, als ich es beabsichtige.

„Hmm.” Mrs. MacBride klingt enttäuscht, als hätte sie auf Dorfklatsch gehofft, den sie weitergeben kann. „Nun, ruf mich an, wenn du mehr weißt, aye?”

Sie legt auf, bevor ich antworten kann, und ich stelle den Hörer zurück auf die Gabel mit mehr Kraft als nötig. Meine Handflächen sind feucht, klebrig, und ich wische sie an meiner schwarzen Hose ab, aber das Gefühl bleibt – diese Enge in meiner Brust, die sich immer einstellt, wenn ich an die Zukunft denke, an die Miete, an Olivers durchgescheuerte Jacke, an die Tatsache, dass ich mir keinen Jobverlust leisten kann. Nicht jetzt. Nicht jemals.

Der Regen klatscht gegen die hohen Fenster des Foyers in einem endlosen, monotonen Trommeln, das durch die alten Steinmauern vibriert, als wäre das Hotel selbst ein lebendiger Organismus, der ächzt und stöhnt unter dem Gewicht seiner hundertdreißig Jahre. Es regnet seit Tagen, und der Teppich riecht danach – nach feuchtem Stoff, nach Moder, nach altem Schmutz, egal wie oft ich mit dem Staubsauger darüber gehe. Ich hasse diesen Geruch. Er erinnert mich daran, dass alles hier langsam verrottet, dass die Risse größer werden, dass das Fundament bröckelt, Stein für Stein.

Ich gehe zurück zur Rezeption, lege meine Hände flach auf die Holzplatte, die verkratzt und abgenutzt ist, die Maserung dunkel von Jahrzehnten der Benutzung. Das Holz ist kalt unter meinen Handflächen, und ich atme bewusst ein, halte die Luft an, lasse sie langsam wieder entweichen. Eins. Aus. Eins. Die Übung, die mir meine Therapeutin damals beigebracht hat, als Olivers Vater uns verlassen hat und die Panikattacken begonnen haben. Sie hilft. Meistens.

Hinter mir knackt eine Diele, laut und plötzlich, und ich zucke zusammen, bevor ich mich daran erinnere, dass es nur das Haus ist. Das Lochside Manor ist alt, und alte Häuser knarren, stöhnen, lassen Risse sehen, wo vorher keine waren. So wie ich. Ich bin sechsunddreißig, sehe aber älter aus, fühle mich älter, habe Falten um die Augen, die von zu wenig Schlaf und zu viel Sorgen kommen.

„Mama?” Olivers Stimme reißt mich aus meinen Gedanken, leise, aber klar, und ich drehe mich zu ihm um.

„Was ist, Schatz?”

„Ist der Adler gut?”

Ich gehe zu ihm, knie mich auf dem kalten Boden hin, ignoriere das Ziehen in meinen Knien, das mir sagt, dass ich auch nicht mehr so jung bin wie früher. Der Adler auf Olivers Papier hat definitiv zu viele Flügel, und die Proportionen stimmen überhaupt nicht, aber die Farben sind kräftig und wild – Rot und Schwarz und ein bisschen Orange für das Feuer, das er sich vorgestellt hat. „Er ist perfekt”, sage ich fest, und Oliver lächelt, dieses kleine, scheue Lächeln, als würde er mir nicht ganz glauben, aber es trotzdem nehmen wollen. Er ist gut darin, Dinge zu nehmen, die ich ihm gebe, ohne zu viele Fragen zu stellen, und manchmal bricht mir das Herz.

Ich streiche ihm über den Kopf, und sein weiches, zu langes Haar gleitet durch meine Finger. Ich muss es schneiden, aber die Schere in der Schublade ist stumpf, und neue Dinge – selbst so kleine, banale Dinge wie Scheren – kosten Geld, das ich nicht habe. Geld. Das Wort allein lässt meinen Magen sich zusammenziehen, und ich rechne im Kopf, wie ich es jeden Abend tue, wenn ich nicht schlafen kann: Die Miete für unsere winzige Wohnung am Rand von Glencoe. Das Essen, das nie ganz reicht. Die Heizung, die nicht richtig funktioniert und uns im Winter fast hat erfrieren lassen. Olivers Jacke, die an den Ellbogen durchgescheuert ist und die ich mit Flicken notdürftig repariert habe. Die Zahlen tanzen vor meinem inneren Auge, und ich zwinge sie in eine Reihe, addiere, subtrahiere, versuche ein Budget aus dem Nichts zu erschaffen. Am Ende bleibt eine Summe, die zu klein ist. Immer zu klein.

„Mal weiter, Schatz”, sage ich und stehe auf, ignoriere das Knirschen in meinen Knien. „Ich bin gleich da drüben.”

Oliver nickt, ohne aufzusehen, bereits wieder vertieft in seine Welt aus Farben und Fantasie, und ich beneide ihn dafür, dass er sich in etwas Schönes flüchten kann, während ich in der harten Realität feststecke. Ich gehe zurück zur Rezeption, lege meine Hände wieder auf die kalte Holzplatte, atme ein, aus, ein, und versuche die Panik zu unterdrücken, die wie kaltes Wasser in meinen Adern fließt.

Die Eingangstür geht auf, und der Wind stürzt herein wie ein ungebetener Gast, reißt am verblassten Willkommensschild, lässt die Glastür gegen den Rahmen schlagen. Kalte, nasse Luft strömt ins Foyer, und Regentropfen spritzen auf den ohnehin schon feuchten Teppich. Ich schaue auf, bereit, einen durchnässten Gast zu begrüßen, aber die Worte bleiben mir im Hals stecken.

Ein Mann steht in der Tür, groß und breitschultrig, mit einer Präsenz, die den ganzen Raum ausfüllt, obwohl er sich nicht bewegt. Er trägt einen dunklen Wollmantel, eindeutig teuer, der Stoff glänzt von der Nässe und liegt perfekt über seinen breiten Schultern. Darunter ein maßgeschneidertes Hemd, das trotz des Regens noch immer makellos gebügelt aussieht, und eine dunkle Anzughose, die an einem Mann wie ihm fehl am Platz wirkt, als würde er lieber schwere Arbeitsstiefel und Jeans tragen. Sein Gesicht ist kantig und herb, die Kieferlinie fest, als würde er ständig die Zähne zusammenbeißen, und seine Augen – sturmgrau, wie die Wolken über den Bergen – registrieren alles, das Foyer, die Risse in den Wänden, den abgetretenen Teppich, mich. Er schließt die Tür hinter sich mit einer kontrollierten Bewegung, und der tosende Lärm des Regens wird gedämpft zu einem fernen Rauschen.

Ich richte mich auf, ziehe instinktiv meine Schultern zurück, und meine Hände bleiben fest auf der Rezeptionsplatte liegen, weil ich etwas brauche, an dem ich mich festhalten kann. „Guten Tag”, sage ich, und meine Stimme ist ruhig und professionell, obwohl mein Puls sich beschleunigt hat. „Willkommen im Lochside Manor.”

Er schaut mich an, direkt, unverwandt, ohne zu blinzeln, und sagt nichts. Die Stille dehnt sich zwischen uns, wird schwer, unangenehm, und ich spüre, wie sich meine Finger unwillkürlich zu Fäusten ballen wollen. „Haben Sie eine Reservierung?”, frage ich schließlich, um die Stille zu brechen.

„Nein.” Seine Stimme ist tief und rau, und obwohl ich einen schottischen Unterton höre, ist er abgeschliffen, versteckt, als hätte er jahrelang versucht, ihn loszuwerden.

„Ich bin der neue Besitzer.”

Etwas rutscht in meinem Brustkorb nach unten, schwer und kalt wie ein Stein. Also ist es wahr. Er ist hier. Der neue Besitzer. Der Mann, der über unsere Zukunft entscheidet, über meine und Olivers und die von allen anderen, die hier arbeiten. „Mr. MacTavish”, sage ich, und es ist keine Frage, sondern eine Feststellung, die er mit einem knappen Nicken bestätigt.

„Liam MacTavish.”

Ich strecke meine Hand aus, ein Automatismus aus Jahren der Hotellerie, und er schaut erst auf meine Hand, dann zurück in mein Gesicht, bevor seine eigene Hand sich um meine schließt. Der Griff ist fest, beinahe zu fest, und seine Handfläche ist überraschend rau, voller Schwielen, die nicht zu dem maßgeschneiderten Anzug passen. Nicht die Hand eines Mannes, der nur Papiere schiebt und Zahlen addiert.

„Evelyn Ross”, sage ich. „Ich arbeite an der Rezeption.”

„Wie lange schon?”

„Vier Jahre.”

Er lässt meine Hand los, und ich ziehe sie schnell zurück, wische sie unbewusst an meiner Hose ab, obwohl ich nicht sicher bin, ob es die Feuchtigkeit von seiner Hand ist oder meine eigene nervöse Schweißspur. „Zeigen Sie mir das Haus”, sagt er, und es ist kein Vorschlag, keine höfliche Bitte, sondern ein Befehl, klar und unmissverständlich.

Ich atme ein, aber meine Lungen füllen sich nicht ganz, als wäre die Luft zu dick, zu schwer zum Atmen. „Natürlich. Einen Moment.” Ich gehe zum Pausenraum, wo Oliver noch immer über seinem Malblock hockt, und knie mich kurz neben ihn. „Ich bin gleich zurück, Schatz. Bleib hier, ja?”

„Okay, Mama”, sagt er, ohne aufzusehen, und ich schließe die Tür hinter mir, aber nur angelehnt, niemals ganz zu, weil ich ihn immer sehen muss, immer wissen muss, dass er sicher ist.

Liam MacTavish steht noch immer an der Rezeption, hat den nassen Mantel nicht ausgezogen, und Regentropfen glitzern auf dem dunklen Stoff wie kleine, kalte Diamanten. „Folgen Sie mir”, sage ich und gehe voran durch das Foyer, meine Schritte gedämpft auf dem alten, abgetretenen Teppich. Hinter mir höre ich seine Schritte – schwerer, fester, der Gang eines Mannes, der gewohnt ist, dass man ihm aus dem Weg geht.

„Das Lochside Manor wurde 1892 erbaut”, beginne ich mit dem üblichen Vortrag, den ich schon hundert Mal für Gäste gehalten habe, „ursprünglich als Jagdschloss für eine wohlhabende Familie aus Edinburgh. Später, nach dem Krieg, wurde es zum Hotel umgebaut.”

„Und jetzt?” Seine Stimme kommt von direkt hinter mir, näher als erwartet.

„Jetzt…” Ich zögere, suche nach den richtigen Worten, nach etwas, das ehrlich ist, aber nicht hoffnungslos klingt. „Es braucht Arbeit.”

„Das sehe ich.” Seine Stimme ist neutral, fast emotionslos, aber als ich über die Schulter schaue, sehe ich, wie sein Blick über die Wände wandert, die Risse im Putz erfasst, die feuchten, dunklen Flecken an der Decke registriert, das Fenster am Ende des Flurs fixiert, dessen Rahmen sich so stark verzogen hat, dass man von draußen das Tageslicht durchscheinen sieht. Er sieht alles. Jede Schwachstelle. Jeden Mangel. Jeden Riss.

Wir gehen weiter, und ich führe ihn durch die Bar, wo die alten Holztische mit den wackeligen Stühlen stehen und der Geruch von Bohnerwachs mit etwas Süßlichem vermischt ist – Fäulnis vielleicht, oder einfach nur das unausweichliche Alter eines Gebäudes, das zu lange vernachlässigt wurde. „Wie viele Gäste haben Sie zur Zeit?”, fragt er, und seine Stimme ist sachlich, geschäftlich, ohne jede Wärme.

„Drei Zimmer sind belegt.”

„Und wie viele gibt es insgesamt?”

„Zwanzig.”

„Drei von zwanzig.” Er wiederholt es, nicht als Frage, sondern als Feststellung, als mathematisches Problem, das gelöst werden muss, und ich spüre, wie sich mein Kiefer anspannt. Ich sage nichts, weil es nichts zu sagen gibt, weil die Zahlen für sich selbst sprechen und jede Rechtfertigung nur wie eine Ausrede klingen würde.

Wir gehen in die Küche, wo es wärmer ist durch den alten Gasherd, der schon läuft, obwohl es erst früher Nachmittag ist. Der Geruch von gebratenen Zwiebeln und altem Fett hängt in der Luft, vermischt mit dem scharfen Geruch von Spülmittel. Dougal, unser Koch, schaut von seiner Arbeit auf, und ich sehe die Sorge in seinem wettergegerbten Gesicht, die tiefen Falten um seine Augen, die sich noch vertiefen, als er den gut gekleideten Fremden sieht. „Das ist Dougal”, sage ich. „Unser Koch.”

Liam MacTavish nickt knapp, und Dougal nickt zurück, beide Männer schweigend, in dieser wortlosen schottischen Art der Kommunikation, die mehr sagt als jede Begrüßung. „Wie viele Mitarbeiter?”, fragt Liam, und seine Augen sind schon weitergewandert, erfassen die veraltete Ausstattung, die abgenutzten Arbeitsflächen, die undichte Stelle über der Spüle.

„Sieben. Vollzeit und Teilzeit zusammen.”

„Zu viel.” Die Worte sind leise gesprochen, beinahe beiläufig, aber sie schneiden durch die Luft wie ein Messer, und ich spüre, wie sich meine Finger unwillkürlich zu Fäusten ballen. Ich zwinge sie, sich zu öffnen, presse die Handflächen gegen meine Oberschenkel.

„Wir brauchen jeden”, sage ich, und meine Stimme ist fester als erwartet.

„Das werden wir sehen.”

Wir gehen weiter die knarrende Holztreppe hinauf, und ich spüre, wie das Geländer unter meiner Hand wackelt, instabil, gefährlich. Die Zimmer im ersten Stock sind noch schlimmer als unten – das weiß ich, aber ich zeige sie ihm trotzdem, führe ihn durch den dämmrigen Flur mit den nackten Glühbirnen, die mehr Schatten werfen als Licht spenden. „Die Zimmer sind… funktional”, sage ich vorsichtig, suche nach einem Wort, das nicht hoffnungslos klingt.

„Heruntergekommen”, korrigiert er mich ohne Zögern.

„Sie haben Charme.”

„Sie haben Schimmel.” Er zeigt auf eine Ecke im Flur, wo sich dunkle, hässliche Flecken an der Tapete ausbreiten wie eine Krankheit, und ich sehe sie, habe sie schon tausend Mal gesehen, aber es gibt kein Geld für eine Sanierung, kein Budget für irgendetwas außer dem absolut Notwendigsten.

Wir gehen zurück zur Rezeption, und ich spüre, wie meine Kehle sich zuzieht, wie die Enge in meiner Brust stärker wird mit jedem Schritt. Oliver ist noch immer im Pausenraum, sehe ich durch die angelehnte Tür, und er malt friedlich weiter, ohne zu ahnen, dass dieser Mann vielleicht alles zerstören wird, was wir haben. Liam MacTavish bleibt vor mir stehen, schaut auf mich herab, und seine grauen Augen sind kalt, verschlossen, unmöglich zu lesen.

„Ich werde Änderungen vornehmen”, sagt er, und es klingt wie ein Urteilsspruch.

„Welche Art von Änderungen?”

„Notwendige.”

„Das ist keine Antwort”, sage ich, und meine Stimme ist härter geworden, trotziger, weil ich spüre, wie die Panik mir den Boden unter den Füßen wegzureißen droht.

„Es ist die einzige, die Sie bekommen.”

Mein Kiefer spannt sich, und ich presse die Zähne so fest aufeinander, dass es schmerzt. „Verstehen Sie etwas von Hotels, Mr. MacTavish?”

„Ich verstehe etwas von Zahlen.”

„Menschen sind keine Zahlen.”

„Menschen kosten Geld”, sagt er, und seine Stimme bleibt ruhig, sachlich, als würde er über Inventar sprechen und nicht über die sieben Menschen, die hier arbeiten, die Familien haben, die Rechnungen bezahlen müssen.

„Menschen verdienen auch Geld”, halte ich dagegen, und er schaut mich lange an, sein Blick wandert über mein Gesicht, als würde er nach etwas suchen, nach einer Schwachstelle vielleicht, nach einem Riss in meiner Rüstung. Aber ich weiche nicht zurück, hebe stattdessen mein Kinn und halte seinem Blick stand.

„Wir werden sehen”, sagt er schließlich, und dann dreht er sich um und geht zur Treppe, seine Schritte fest und entschlossen, der Gang eines Mannes, der weiß, was er will, und dem es egal ist, wen er dabei verletzt.

Ich bleibe an der Rezeption stehen, meine Hände noch immer auf der kalten Holzplatte, und atme aus, lang und zitternd. Die Tür zum Pausenraum geht auf, und Oliver steht dort, den Malblock fest in seiner kleinen Hand, sein Gesicht ernst und wachsam. „Mama, wer war das?”

Ich schaue auf ihn, auf sein zu ernstes Gesicht, und etwas in mir zerbricht ein kleines bisschen mehr. „Niemand Wichtiges, Schatz”, sage ich, aber es ist eine Lüge, und wir beide wissen es. Draußen peitscht der Regen gegen die Fenster in einem endlosen, gnadenlosen Rhythmus. Der Wind heult um die Ecken des alten Gebäudes, und irgendwo tief im Haus knarrt eine Diele, laut und einsam. Risse im Fundament. Ich spüre sie alle – in den Wänden, im Boden, in mir selbst. Und ich weiß mit einer Sicherheit, die mir die Kehle zuschnürt, dass Liam MacTavish nicht hier ist, um etwas zu retten. Er ist hier, um alles zu zerstören.

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Skye MacDonald

Über Skye MacDonald

Skye MacDonald schreibt gefühlvolle, romantische Wohlfühlromane, die den Zauber Schottlands feiern – von einsamen Blockhütten in den Highlands bis zu eleganten Penthouses mit Blick auf Edinburgh Castle.

Ihre Geschichten verbinden Leidenschaft, Humor und Herzenswärme und erzählen von starken Frauen, die wissen, was sie wollen, und Männern mit rauer Schale und weichem Kern. Ob grummeliger Einsiedler, charmant-schottischer Handwerker oder geheimnisvoller Millionär – jede Liebesgeschichte verspricht prickelnde Spannung, emotionale Tiefe und das perfekte Happy End.

Skye liebt die klassischen Romance-Tropes, die Leserinnen verzaubern: Zwangsnähe, Grumpy-Sunshine, zweite Chancen und Winterromantik. Doch hinter jeder ihrer Geschichten steckt ein Hauch Magie und das Gefühl, Zuhause zu finden – zwischen Kaminfeuer, Schneeflocken und Highlands-Zauber.

Bevor sie Romane schrieb, arbeitete Skye als Reisejournalistin und verliebte sich in die wilde Schönheit der schottischen Landschaft und den kreativen Puls von Edinburgh. Diese Leidenschaft für Land, Leute und Geschichten fließt heute in jedes ihrer Bücher ein.

Wenn sie nicht schreibt, wandert sie auf Pfaden entlang der Lochs, stöbert in Buchhandlungen und genießt ein Glas Whisky mit ihrem Mann und ihren zwei Terriern.

Sie glaubt, dass in jedem Sturm und auf jeder sternenklaren Straße ein kleines Stück Magie liegt – und dass Liebe in Schottland einfach ein bisschen stärker leuchtet.

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